Leises Manifest der Ödnis

Laudatio zum Gastkünstlerbeitrag »Urban Layers / City 5« von Ernst Thoma am Dienstag, 1. November 2016

Leises Manifest der Ödnis 

Schmuckrede zum Gastkünstlerbeitrag »Urban Layers / City 5« von Ernst Thoma am Dienstag, 1. November 2016

 

Ich darf mich vorstellen: János Stefan Buchwardt, einer von dreien, die das hier Präsentierte zu verantworten haben. »Hinter Kulisse und Stirn – Das Behagen am Unbehagen«, so der Titel der Gesamtausstellung. Die zwei fehlenden Namen des Dreigestirns: Christian Lippuner und Stefan Postius. An diesem 1. November, am Abend des Hochfestes also, trete ich als Vernissage-Redner für unseren Gastkünstler auf. Gewissermaßen als Zwitterwesen agierend, was meine Person betrifft: als beteiligter Künstler und Laudator. Das muss weder Sie noch mich in einen Konflikt stürzen. Mein berufliches Herkommen rechtfertigt den Haltungs- und Perspektivenwechsel hin zum kulturpublizistischen Erkunder. Darüber hinaus, zum ehrenden Wort und zur Würdigung anzuheben, kann Peinlichkeit hervorrufen, besonders auch beim Laureaten. Unterbrechen Sie freiweg meinen Redefluss, sollte er die Grenze vom Lob zur Hudelei überschreiten.

Gut, ich will nicht länger hinauszögern, in einer Vermengung von Nüchternheit und barockem Stil zu benennen, aber auch kunstgerecht wertzuschätzen, um wen und was es sich im Eigentlichen dreht. Um jemanden, dessen verwobenes, fein gesponnenes Werk mit großer Subtilität enorm einzunehmen weiß: Ernst Thoma. Als Videokünstler, Experimentalmusiker und Maler sehr viel mehr als ein mustergültiger Mustermacher. Wo er sich dem Gestus Alter Meister verpflichtet fühlt, torpediert er parallel dazu jeglichen klassischen Duktus mit Ausdruckstechniken unserer modernen Welt. Einer, der auf der Fragilität der Gedankenströme surft, dabei aber stets intuitiv rückkoppelt und erdet. Einer, der die Sinnhaftigkeit des Wesenhaften leise umspielt, indem er dem Ton Designnuancen verleiht, Klängen restaurierten Raum eröffnet. Einer, der uns dadurch schließlich die unkonventionelle Dimension des Zukünftigen offenbart, des Virtuellen, das unter seiner Hand zur archetypischen Besonderheit mutiert. Spielerisch, multimedial, interaktiv, fruchtbar, vornehmlich auch elektronisch unterwegs. Und obendrein lautlos berauscht, wenn er gekonnt die Waage hält, Homogenes, insbesondere auch Fleischliches in sich zusammenfallen zu lassen, um  gleichzeitig Bruchstück- und Ausschnitthaftes magisch anmutend zu neuen Einheiten zu überformen. – Festum Omnium Sanctorum!

Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir sie in einer temporären Ausstellung zur Gegenwartskunst im Kunstmuseum Singen entdeckt, die Arbeit »Urban Layers«, die jetzt um ein »City 5« spezifiziert ist. Wir waren uns schnell einig. Wir wollten die Videoinstallation liebend gern in unseren damals erst im Plan befindlichen Ausstellungskosmos eingefügt sehen, der mit genau solchen Meisterhaftigkeiten wetteifern will. Dass sich Ernst Thoma dafür gewinnen und sich die Sache mit nur wenigen Hürden umsetzen ließ, freut uns außerordentlich. Dir, lieber Ernst, sei offiziell und herzlich gedankt. Konkurrierend wäre sowieso das falsche Wort: Deinen Beitrag sehen wir als wertvolle Ergänzung und eigenständige Bereicherung unserer Themenwelt, steht er doch in engem Zusammenhang mit den Facetten, die wir unsererseits dem architektonischen Umfeld widmen. Konkret mit der Hinterfragung alltäglicher Gestaltungskatastrophen, eines gesichtslosen, naturfeindlichen Funktionalismus moderner Bebauungen und mit der Erörterung aktueller Verdichtungs- und Zersiedelungsthematiken und deren Folgen. Dazu findet am kommenden Donnerstagabend hier im Richental-Saal eine Diskussionsrunde statt.

Wenn ich zum Schluss, sozusagen kunstwissenschaftlich, zu einem kurzen Beschrieb auf die »Urban Layers« aushole und diesem Werk gesondert weitere Worte verordne, so geschieht das an allerletzter Stelle aus einer Erklärungsbedürftigkeit heraus. Ich möchte schlichtweg Respekt zollen: In langatmigen Montagerhythmen zerfließen Gebäudeausschnitte zu bewegten und bewegenden, aber größtenteils entvölkerten Großstadtszenerien, in- und übereinander, alptraumhaft und nicht zuletzt an das futuristische Metropolis eines Fritz Lang erinnernd. Über suggestiv eingesetzte Mittel der Collage rollt sich erdrückend Aufgetürmtes auf. Dennoch und nachgerade mystisch, die düsteren Überblendungen bedrohlicher Monumentalität verweben sich zu einem leisen poetisch-ästhetischen Manifest. In solcher Liaison zwischen technoid gemeißelter Fassadenwelt und urbaner Kulissenverzauberung liegen Faszination und Schauder bedrohlich nah beieinander. Der verstörende Charakter dieser Videomontage wird mittels eines untergründig beunruhigenden Soundteppichs um akustische Detailkombinationen erweitert. Der Mensch bleibt hier zwar nicht ausgespart, wird aber nur im Lichte eines einseitig ökonomischen Verständnisses als willensschwach funktionierendes Wesen beschrieben.

Das Ursprungsmaterial für das, was Du im Laufe der letzten 10 Jahre mehrfach variiert und auskomponiert hast, lieber Ernst, geht auf das Jahr 2006 zurück, als Du für 7 Monate in Berlin warst. Bei den Ausformungen möchte ich von einem atemberaubenden Gleichgewicht zwischen sublim bedrohlichem Wachtraum und einer apokalyptisch bestrickenden urbanen Komposition mit Wiegenlied-Charakter sprechen. Wuchtig und unaufdringlich zugleich, vom Gewinnen wie vom Verlieren zeugend. Allein dass Du Deine Arbeit so gut wie möglich machst, lässt Dich – mit Alberto Giacometti gesprochen – in bester Manier Revolutionär sein. Und fern aller Blasphemie darf ich behaupten: Die Freiheit des Denkens, der Meinung und des Gewissens, die in eigentümlich gemessener Art in Deinen Werken mitschwingt, verdient Hochachtung. Im profanen Medium Wikipedia steht geschrieben: »Allerheiligen ist ein christliches Fest, zu dem aller Heiligen gedacht wird – auch solcher, die nicht heiliggesprochen wurden − sowie der vielen Heiligen, um deren Heiligkeit niemand weiß als Gott.«


János Stefan Buchwardt