Der Mensch als Wolf bedroht den Menschen

Vernissage-Rede von Alex Bänninger, Kulturpublizist, Stettfurt TG, 6. Oktober 2016

Mehr als eine Ausstellung: "Hinter Kulisse und Stirn"

Richental-Saal im Kulturzentrum am Konstanzer Münster

 

Der Mensch als Wolf bedroht den Menschen

Vernissage-Rede von Alex Bänninger, Kulturpublizist, Stettfurt TG, 6. Oktober 2016

 

 

Allerbesten Dank Ihnen, verehrte Frau Müssig, für die freundliche Begrüssung und die schöne Einladung in die imperiale Hauptstadt des Thurgaus.

Sie liegt in einer Fremdwährungszone und näher bei Brüssel als bei Kreuzlingen. Gleichwohl überquerte ich die Grenze ohne jede Beklommenheit. Denn das attraktive und animierte Kulturzentrum am Münster gehört, wenn ich mir diese Faktengenauigkeit gestatten darf, topografisch zur Schweiz. Seine fabelhafte Energie sprudelt also aus helvetischem Urgrund. Ich bin begeistert. Aber nicht beschwipst, um auch noch das Konzil der Eidgenossenschaft zuschlagen zu wollen.

 

Sehr geschätzte Damen und Herren:

Nach der kulturgeografischen Randbemerkung aus freundnachbarschaftlicher Zuneigung stecke ich das Umfeld der gegenwartsbezogenen Ausstellung ab und würdige dann die Künstler und ihr Projekt. Es motiviert mich, abschliessend für die demokratische Einmischung der Bürgerinnen und Bürger zu plädieren. Sollte ich das Gefühl wecken, Ihnen, liebe Gäste, ins Gewissen zu reden, wäre der Eindruck nicht gänzlich falsch. Zumutung darf sein, zumal Vernissage-Ansprachen ohnehin als Zumutung gelten. Ich schöpfe das Potenzial aus.

Vielleicht sehen Sie das Umfeld anders. Ich sehe es so:

Sie sollten sich mit Ihren Bewegungsabläufen, meine Empfehlung, neu orientieren. In Frage kämen etwa der Durchstieg der Eigernordwand und vom Gipfel im Fledermausanzug der Sturz ins Tal.

 

Früher glaubten wir an die Vorsehung

des Allmächtigen, heute

an die Vorsehung des Restrisikos.

 

Sportliche Eskapaden sind ungefährlicher als nach alter Gewohnheit mit dem Handy in der Tasche von hier zur Marktstätte zu spazieren. Entweder identifiziert eine Drohne Ihre Handynummer und bringt Sie vor der Tiergarten-Apotheke um oder militante Fundamentalisten sprengen Sie ein paar Schritte weiter zwischen Commerzbank und Sparkasse in die Luft. Früher glaubten wir an die Vorsehung des Allmächtigen, heute an die Vorsehung des Restrisikos. Die Örtlichkeiten sind auswechselbar.

Das war eine Kurzversion gegenwärtiger Bedrohung: Weniger aufgeladen durch die Flüchtlingsströme als vielmehr durch jene, die das Problem mit Brandsatz in den Adern dramatisieren. Und erst zufrieden sind, wenn es sich als unentrinnbare Heimsuchung vollendet. Der Hass und seine Ausbrüche aus diffuser Verbitterung und wahltaktischem Kalkül haben die Obergrenze erreicht. Hier und anderswo.

Dass nach Jahren der Schulpflicht die Artikulationsfähigkeit mit Fäusten ausgeprägter ist als mit Worten, wäre besorgt zu diskutieren. Auch hier und anderswo.

Es ist richtig, klaren Kopf zu behalten. Eine Ermutigung in jenen Menschen zu sehen, die uneigennützig für die aufklärerischen Ideale kämpfen und für die Erfüllung unserer daran geknüpften Hoffnungen. Sich die abendländische Zivilisation nicht wegpöbeln und das Mittelalter nicht herbeibomben zu lassen. Die segensreichen Leistungen der Wissenschaft, der Kultur, der Medizin, der Wirtschaft zu erkennen - und der Politik, ja, auch.

 

Der Mittelmeer-Raum,

Europas Wiege, ist Afrikas Grab.

 

Spätestens beim Blick über unsere Länder hinaus versagt unsere Fassungskraft völlig. Der Mittelmeer-Raum, Europas Wiege, ist Afrikas Grab. In den Lagern der Überlebenden hinterlässt die humanitäre Rhetorik nicht die geringsten Spuren.

Abgründe öffnen sich. In Syrien, im Jemen, in Afghanistan, Israel, Palästina, in der Ukraine, der Türkei. Das Schlimme an dieser Liste ist ihre Unvollständigkeit. Das Schlimmste die Feststellung, dass die Konflikte - Herrgottnocheinmal - lösbar wären. Der Konjunktiv signalisiert Kapitulation.

Politikerinnen und Politiker - in der Demokratie: unsere gut bezahlten Untergebenen für die Fachbereiche Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Wohlstand - scheitern, weil sie aus Selbstschutz oder aus Selbstüberschätzung die ungeheure Begabung entwickelten, Entscheide zu treffen und simultan die Konsequenzen auszublenden. Umgekehrt verdeutlicht: Damit die Finanzierung des Terrorismus garantiert ist, hängen wir uns an die nahöstlichen Pipelines. Damit die Zahl der Wirtschaftsflüchtlinge steigt, verschärfen wir die Perspektivlosigkeit afrikanischer Staaten mit handelsvertraglicher Ausbeutung. Damit das Geschäftsmodell der Schlepper floriert, riegeln wir die legalen Fluchtwege ab. Wo Waffen fehlen, laden wir nach. 

Der Mensch als Wolf bedroht den Menschen. In einer Art, dass Aldous Huxleys Frage gleich die Antwort ist: Die Frage nämlich, ob die Erde nicht die Hölle eines anderen Planeten sei.

Wir sind im thematischen Epizentrum unserer Ausstellung angelangt - wenn es denn eine Ausstellung wäre. Es ist eine In-Frage-Stellung, eine Wertevorstellung, auch eine Rechnungsstellung und in der Summe eine Glanzvorstellung. Der Glanz fällt auf die Kulturschaffenden János Buchwardt, Christian Lippuner und Stefan Postius. Auch auf jene, die fördernd solidarisch waren, weil sie die Aussergewöhnlichkeit des Projekts erkannten.

 

Warnung vor der Preisgabe der

Humanität als politischer Maxime.

 

Die drei Künstler bildeten ein Kollektiv, erstmals und eigens für den Richental-Saal. Sie bespielen ihn nicht, wie es der Kunstjargon verhübschend nennen würde. Nein, sie verwandeln den Saal kreativ und interdisziplinär in ein Memento, sie beleben, befeuern und bereichern ihn.

Um uns durch die Kunst vor Fehlentwicklungen zu warnen: Vor der Preisgabe der Humanität als politischer Maxime. Vor der Privatisierung der Gewinne und der Sozialisierung der Verluste. Vor der Verheerung der Natur. Vor der Dummheit.

 

Die Warner und Mahner sind:

  • János Buchwardt, Steckborn, der Germanistik, Publizistik und Philosophie studierte, als Kulturjournalist, Lyriker, Vorleser und am Zürcher Schauspielhaus als Souffleur arbeitet und Gedichtbände veröffentlichte.
  • Christian Lippuner, der Ermatinger Maler und Plastiker, der sich zum Grafiker ausbilden liess, freier Künstler ist und dessen Werke von privaten und öffentlichen Sammlungen angekauft wurden.
  • Stefan Postius, der freie Fotograf, Konstanzer und von Haus aus Naturwissenschafter, der mit seinen Bildern aus der Leidenschaft für Kunst, Jazz und Architektur lange nachhallende Resonanz findet durch Ausstellungen und Bücher.

  

Rehabilitierung der

Bürgerinnen und Bürger.

 

Die Künstler-Gemeinschaft ist geleitet von der kritischen und aufgewühlten Beobachtung gesellschaftlicher Verwerfungen, verbunden mit der Zivilcourage, die Erkenntnisse mit künstlerischen Möglichkeiten für die öffentliche Debatte aufzubereiten.

Das ist die erste Komponente, die Zielkomponente. Sie nimmt einerseits auf, was Wilhelm Röpke geisselte, die Erniedrigung des Menschen zum Haustier im Staatsstall, und anderseits, was sich Dolf Sternberger wünschte: die Rehabilitierung der Bürgerinnen und Bürger. Sie stehen mit gleichen Rechten und Pflichten in der Verantwortung, für ihren Staat als ihre Gemeinschaft gestaltend um das Beste zu ringen.

Die zweite Komponente, die Objektkomponente, bilden die Texte, Gemälde, Skulpturen und Fotografien, so bedacht kuratiert, dass das Ganze mehr ergibt als die Summe der Einzelteile.

Die digitalen Fotografien von Stefan Postius sind Mehrfachbelichtungen und Nachbearbeitungen. Sie interpretieren und analysieren Wirklichkeiten. Als ästhetische Dokumente einer ethischen Haltung. Die kubische Skulptur beispielsweise beglückt aussen mit drei Inbegriffen der Natur, mit Bäumen, Vogelgezwitscher und Bachgemurmel, kontrastiert die Idylle im Innern mit Fotos und Lärm aus unserer Alltagswelt und macht konstruktiv so leichthin erfahrbar, wie wir vom Lebensraum in den Überlebensraum drängen oder uns drängen lassen.

 

Die Unterschiede zwischen Sehen und Erkennen,

Schauen und Durchschauen.

 

Die Arbeiten Christian Lippuners aus Schichten, Lineaturen, Netzen sind mit künstlerischer Kraft komprimierte Kommentare von philosophischer Tiefe und allegorischer Weite. Ich greife den "Minotaurus" heraus. Das Bild bezieht sich auf den nach der griechischen Sage wütenden Grobian halb Mensch, halb Stier, gefangen in einem Labyrinth auf Kreta. Es ist ein raffinierter Kunstgriff, malerisch die aristotelische Einheit zu befolgen und das Gewirr des Irrgartens aufs Gesicht zu übertragen. Es verleiht ihm Lustigkeit, Drolligkeit. Es täuscht. Wie so viele vergnügte Gesichter uns fatal täuschen. Hinter der Maske läuft die Planung für unser Ungemach.

Mit seinen Texten, die zwischen Essay, Prosa, Aphoristik und Poesie wechseln, erweist János Buchwardt den beiden Künstlern die Reverenz und schreibt deren Befunde kreativ fort. Der "Fensterflügel-Text" ist exemplarisch für die eindringlich geforderte Genauigkeit des Lesens. Es kostet Mühe. Weil sich unsere antrainierte Hochgeschwindigkeits-Entzifferungstechnik gerade noch eignet für E-Mails und Piktogramme. Für die komplexe Kommunikation in einer komplexen Welt allerdings reicht sie nicht. Die hier versammelten Texte pochen auf die Unterschiede zwischen Sehen und Erkennen, Schauen und Durchschauen.

 

Hinter Kulissen und Stirnen

verbergen die Mächtigen ihre

wahren Absichten.

  

Die dritte Komponente liefert der Richental-Saal mit der markanten Tragkonstruktion in der Schönheit einer modernen Holzskulptur. Ihre Form sei hier als Durchgang verstanden. Er öffnet uns den Weg "hinter Kulisse und Stirn". Die Metapher verliert mit der Auflösung jede Harmlosigkeit. Hinter den Kulissen und Stirnen verbergen Mächtige der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Medien ihre wahren Absichten, um uns täuschend, hinterhältig, hochmütig zu beeinflussen und zu steuern. Im Wettkampf um Machterhaltung und Machtgewinn und nicht auf der Suche nach dem für das Gemeinwohl Richtigen.

Wenn denn das Gemeinwohl in den Wogen der Erregung nicht untergeht. Eine hässliche und hassende Gegengesellschaft wird aufgebaut. Von ressentimentsgeladenen Menschen, die "nicht nur unerzogen und kopflos" sind, "sondern auch noch stolz darauf", Robert-Dany Dufour. In den Wahllokalen bestimmt der Unwille, nicht mehr der Wille; es herrscht das "ideenlose Unbehagen", Manfred Schneider.

  

Sich in die eigenen

Angelegenheiten einmischen.

 

Höchste Zeit für die Denkenden, sich an Heinrich Böll und Max Frisch zu erinnern. Heinrich Böll forderte - und er kann es nicht einfältig gemeint haben - die Einmischung. Für Frisch heisst Demokratie - und er kann sie nicht als Kampfsport begriffen haben -, "sich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen".

Dazu passen fünf so einfache wie griffige Fragen an die Träger jedwelchen Amtes und an die Volkstribunen jedwelcher Couleur. Mit der Formulierung der Auskunftsbegehren wurde der englische Politiker Tony Benn berühmt:

 

1. Über welche Macht verfügen Sie?

2. Woher haben Sie diese?

3. In wessen Interesse üben Sie diese aus?

4. Wem gegenüber sind Sie verantwortlich?

5. Wie können wir Sie loswerden?

 

Länder, in denen diese Fragen frei geäussert werden können, sind Rechtsstaaten. Länder, in denen diese Fragen auch tatsächlich gestellt werden, häufig, unablässig, bohrend, weder voreingenommen noch lallend, sind von Bürgerinnen und Bürgern gestaltete Rechtsstaaten.

Die Einmischung ist ebenfalls den Kunstschaffenden gestattet. Sie entscheiden, ob sie nur an der Kunst und für die Kunst arbeiten oder ihre Arbeit auch einer öffentlichen Sache widmen, der res publica. Der Entscheid fällt auf einem schmalen Grat. Der Absturz als Schwadroneur droht und noch tiefer als Moralapostel. Zuunterst landen die Agitatoren. Es braucht im abschüssigen Gelände einen sicheren Stand, um sich als räsonierender Intellektueller redlich zu behaupten. Alle Anerkennung für unsere drei Künstler.

Wach bleiben. Skeptisch prüfen, was nur als Fortschritt und Sachzwang gepriesen wird. Das Recht des Stärkeren als Unrecht ablehnen: Das sind Botschaften des Projekts "Hinter Kulisse und Stirn". Aus der Überzeugung heraus, dass Not gewendet werden kann. Offene Gesellschaften, liberale, rational handelnde sind keine Selbstverständlichkeit.

 

Künstlerische Impulse gegen das

"Behagen am Unbehagen".

 

Liebe Bürgerinnen und Bürger: Ich danke Ihnen. Nicht fürs Zuhören, sondern für die Bereitschaft, sich von den künstlerischen Impulsen aus dem "Behagen am Unbehagen" rütteln und schütteln zu lassen.

 

 

Alex Bänninger, Stettfurt TG, ist Publizist und Kulturproduzent.

Er gehört zur Redaktionsleitung der Onlinezeitung Journal21.ch und als Mitglied zur Association Internationale des Critiques d'Art AICA.

Als Autor verfasste er Bücher u. a. über den Fotografen Hans Baumgartner, die Künstler Mario Comensoli, Dieter Hall und Gabriel Mazenauer, die Architektin Tilla Theus, den Valium-Erfinder Leo Sternbach und den Apfel als kulturgeschichtliches Phänomen.

Nach dem Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich war er Medienkritiker der Neuen Zürcher Zeitung, stellvertretender Direktor im Kulturministerium der Schweiz, Kulturchef beim Schweizer Fernsehen und Lehrbeauftragter für Medien an der Universität Zürich als. Während einiger Jahre präsidierte er die Thurgauische Kunstgesellschaft.