Hinter Kulisse und Stirn – Das Behagen am Unbehagen

Überlegungen von János Stefan Buchwardt, beteiligter Künstler, Steckborn TG, September 2016

 

Hinter Kulisse und Stirn – Das Behagen am Unbehagen

 

Buchstabenfolgen werden zu Wortgebilden. Sprache schließlich schöpft aus dem Urgrund des Verstehenwollens, sie generiert Bewusstsein. Dessen vornehmste Motivation mag darin liegen, in die geheimnisvollen Tiefen der Ewigkeit zu weisen. Uns überkommt vermeintliches Verständnis, das sich jedoch stets als große Unwissenheit entpuppt, scheinbare Klarheit, die sich oftmals leichthin verflüchtigt. Wahrheitsbegriffe schrumpfen zu rudimentärer, unvollkommener Erkenntnisenergie. Im Angesicht regelmäßigen Scheiterns von Vernunftsprinzipien wird das decartsche »Cogito ergo sum« um ein »schuldig« ergänzt werden müssen. In blutigen Kämpfen um des Bezwingens willen stoßen wir auf nichts als die eigene Beschränktheit. Machtkulissen und Drohgebärden entlarven sich als lächerliche Domestikationen des Unbeherrschbaren, als vergebliche Ambition, sich die Welt verfügbar und untertan zu machen. Eine kunstvoll geformte Beinprothese auf goldenem Thron (»STUHL BEIN«) ist hier Zeichen für die unausweichliche Verletzlichkeit der Kreatur, für wie unfehlbar sie sich auch immer erklären mag. Ist alles nur erdacht? In letzter Instanz entscheiden wir zwischen Verzweiflung und Schuldgefühlen oder Dankbarkeit und Hingabe. So gesehen mag in der kryptischen Instanz ehrlichster Ausdrucksgestus liegen. Die aufrichtigsten und aufregendsten Sprachgebärden mögen sich in der Poetik wiederfinden – im Wissen darum, dass eine Höllensturz-Metaphorik vom ureigensten Missfallen der Menschheit zeugt, nicht König der Geistwesen zu sein.

Schriftzeichen werden sich selbst zur Kulisse, da sie per se hüllenhaft daherkommen. Gleichsam als geistige Gefäße dürfen und müssen sie von innen her wandelbar sein. In den Bäuchen der Amphoren lagert vielfältiges Sinnesmaterial. Bruchstückhaft erfährt es spezifische Auslegungs- und Deutungsarten. Seinerseits Leerstellen hinterlassend will es dazu verleiten, experimentell und manipulativ gehandhabt zu werden. Also gilt es, die eigentlichen Denk- und Spielräume hinter den Lettern zu eröffnen. Über ausweitbare Inhaltsstrukturen und gedankliche Konnotationen werden changierende Einschreibungen initiiert, die ihrerseits Prägungen des Geistes in alle erdenklichen Himmelsrichtungen vornehmen. Bedeutungen blähen sich auf, Einsichten fallen in sich zusammen, Überschätzung und/oder asketische Beschränkung nach sich ziehend.

Verästelungen und Wegmarken unter der Schädeldecke weisen die vielfältigen Charaktere menschlicher Wesen aus. Bahnen und Überkreuzungen stehen für Organisationsabläufe und Planspiele, für die Nervensysteme der Evolution, des Fortschritts. Darin geborgen liegen diverse natürlich gegebene, aber auch menschengemachte Errungenschaften. Die Verbildlichung infrastruktureller und logistischer Vorstöße verweist auf die Komplexität der Lebensäußerungen an sich. Im Holzschnitt »KOPF GEBURT« ist das Innenliegende mit seiner Umgebung verwachsen. Es geht über in eine kartografische Ordnung, wird Teil davon. Was an die Systematik eines stadt- und landplanerischen Konstrukts erinnert, wird beim Haupt des »Minotaurus« als seziertes Schaltmaterial menschlichen Daseins gefasst: bunt und wirr, diffus und verschachtelt, trotzdem organisch geordnet. Das Mischwesen steht für ein weit über das Körperliche hinausgehendes Gefangensein. Darüber hinaus symbolisiert es das unabwendbare Verwickeltsein in Lebensläufe. Das Schicksal agiert still und heimlich und ist Teil des uns interessierenden Dahinters.

Wie zeigen sich Kulissen, wie sind sie beschaffen, mit welchen Aufwendungen lässt sich ihre grundsätzliche Instabilität aufrechterhalten? Wo die Texte ihrerseits hinter die Inhaltsschablonen oberflächlicher Präsentationen schauen und sie hinterfragen, da wollen die installativen, fotografischen und bildnerischen Exponate exemplarisch künstlerisch-diagnostische Schlaglichter auf das Phänomen der Schaustellung werfen. Mit den Stilmitteln des Verschwimmenden, Verschobenen, der Überlagerung und Auflösung werden politische Größen wie »Putin«, »Trump« und »Merkel« beleuchtet. Korrespondierend dazu das Werk »Luzifers List«, das eine schemenhafte Figurenpaar-Konstellation zeigt, die für Indoktrination und Drahtziehertum steht und die Besonderheit der Grauen Eminenz in einem diabolischen Wesen fasst. Parallel dazu ließe sich auf Leib und Antlitz der Muse im Gemälde »Musen gegenüber« verweisen. Im Vergleich mit dem Lichtträger-Paar ist sie die geradezu positive Einflüsterin im Rücken des Literaten, deren schillernde Körperlichkeit sich aus einem allumfassenden kosmischen Durchdrungensein formt. Die Manöver einer solchen Nymphe der Kunst und Kreativität erreichen den um Beistand Bittenden – so bleibt zu vermuten – aber ebenso manipulativ aus den undurchschaubaren Winkeln des Hintergrunds. Im Endeffekt werden sie gezielt hinter die Stirn der Denkenden gepflanzt.

Wenn die Ausstellung vorderhand Schemenhaftes, Mehrfachbelichtetes, Diffuses, Geschichtetes, Verschachteltes, aber auch Querdenkendes und Verstörendes zeigt, so will sie spontan Verstandesleistungen evozieren. Besucherinnen und Besucher dürfen und müssen erfahren, was sich hinter ihrer eigenen Stirn tun kann, inwieweit sie selbst sich von Vorgespieltem täuschen lassen und es sich in dieser Situation auch noch bequem einrichten wollen. Geht denn die Existenz von Realität auf unser Bewusstsein zurück oder exitiert das Seiende auch unabhängig davon? Philosophisch stoßen hier idealistische und realistische Anschauungsweisen aufeinander, handkehrum ist unser Alltag von Schreckgespenstern durchsetzt. Hier versucht die Ausstellung »Hinter Kulisse und Stirn – Das Behagen am Unbehagen« mehr als nur Abbild zu sein. Die mit besorgniserregender Regelmäßigkeit wiederkehrenden ideologischen Ausschläge etwa – insbesondere des Nazismus bzw. Faschismus (»Brauntöne«) – sollten immer wieder Denkakte der Besinnung und Aufklärung auf den Plan rufen. Selbst im profanen Umfeld der Bebauungen und Behausungen wird sich der Einzelne und die Gemeinschaft den Problematiken städtebaulicher Nachverdichtung und der Zersiedelung ganzer Landstriche stellen müssen. »Im Glauben an Freiräume«, der Titel eines dem architektonischen Umfeld gewidmeten Gemäldes, verweist zu guter Letzt auf die Hoffnung der Nachhaltigkeit, des Humanismus und der Überlebensfähigkeit. Ob die Welt nur Schein ist oder nicht, wir müssen sie, so wie wir sie vorfinden und empfinden, nach bestem Gewissen zukunftsfähig gestalten. Nein, das will kein abgedroschener politischer Slogan sein. Wir brauchen Kompromisse, Einkehr, Genügsamkeit und Aufrichtigkeit. Der Pragmatismus, dass nur das, was uns nützlich zu sein scheint, hochhaltenswert ist, hat sich längst und im Grunde von Beginn an als obsolet erwiesen.

János Stefan Buchwardt