Vom Primat des Unergründbaren

Überlegungen von János Stefan Buchwardt, beteiligter Künstler, Steckborn TG, September 2016

 

Es heißt, die Kunst sei eine Tochter der Freiheit.

(
Es heißt, die Freiheit sei ein uneheliches Kind derer, die Geld haben.)

 

Vom Primat des Unergründbaren

 

Mit unseren Schlaglichtern zukunftspessimistische Szenarien einer Gesellschaft heraufbeschwören, die sich (immer schon) zum Negativen hin entwickelt (hat)? Gewiss nicht. Dennoch halten wir es für geboten, ausschnitthaft und exemplarisch auf Fragwürdiges aufmerksam zu machen, Attituden komfortablen Zurücklehnens gegen den subtilen künstlerischen Aufruf zum Opponieren einzutauschen. Gezielt an den Grundfesten der Illusionen rütteln, politische Gesinnungsebenen dechiffrieren, heilende Kräfte der Mythologie neu aufbereiten, all das inspiriert Überlegungen, was hinter Kulisse und Stirn vonstatten gehen mag.

Mephistophelisches, Zerstörungswut und Verrohung auf der einen Seite. Handkehrum ein pragmatisches »Yes, we can« oder das ebenfalls im Präsens gehaltene deutsche Pendant »Wir schaffen das«. Nur Wahlslogans, sozial-utopische Anwandlungen oder gar Prophezeiungen? Verunglimpft einesteils, gewertschätzt andererseits. Alles nur eine Frage von Schattierungen zwischen manipulativen Strategien und tiefer Überzeugung(sleistung)? Verschumpfen und gelobt. Welcher Couleur müssen Machtstrateginnen und -strategen denn sein, um für die gelingende Verfassung eines Staatswesens zu garantieren?

Riskierten die Utopier eines Thomas Morus einen Blick in jetzige und kommende Welten, sie müssten leer schlucken. Was wäre noch übrig von gelebten republikanischen Gleichheitsgrundsätzen, vom soliden Willen nach positiven freiheitlichen Prinzipien? Halbseidene Verflechtungen zwischen Wirtschaft, Medien, Religion und Staat, Saturiertheitsstandards auf Kosten Geschundener, Spekulationsbasiliken aus Sichtbeton und Glas, die Bewahrung inneren und äußeren Friedens aufs Spiel gesetzt.

Populistisches Ausagieren politischer Extremstandpunkte, ein profitbesessenes Großunternehmertum, die Hinwendung zu hinterwäldlerischem Starrsinn oder dessen Festschreibung. Wie leicht es fallen kann, zum Zeichner dystopischer Geschichten zu werden, wenn das Glücksgarantentum lebensgemeinschaftlicher Organisationsformen vor dem inneren Auge zerbröckelt. Wenn Balanceakte, die vom denkenden Wesen zu bestehen wären, wie Sandstein-Fassaden in saurem Regen zerrieseln.

War denn das Werden und Überleben der Potentaten und Strategen je vom Gleichgewicht zwischen konsequent optimistischer Einstellung und himmelschreiender Resignation abhängig? Die vor die Hunde gehende Menschheit des Dänen Lars von Trier einerseits, andernteils der humanistisch geprägte Spürsinn dafür, individualistischer Ausartung, Zerrbildern entkommen zu können. Zugunsten des unabdingbar Solidarischen, des angemessenen Beitrags zum Aufgehobensein in einer idealen Gesellschaft.

Mag es bei der Architektur beginnen, indem sie Diskrepanzen zwischen naturverbundenen und lebensfeindlichen Bebauungsweisen zu überwinden oder sich den Fragestellungen der Zersiedelung und Verdichtung verantwortungsbewusst zu stellen sucht. Mag es enden beim Sich-Selbst-Enfesseln in philosophischer Manier. Müssen wir letztlich an der Übermacht der Unwissenheit scheitern, die sich dem geistigen Weg, zu eigener Befreiung zu gelangen, versperrt? Wo liegt der Ausweg aus prognostizierten ökonomischen Verödungen und sozio-apokalyptischen Abgründen?

Wie denn läßt sich das explosive Gemisch aus Bevölkerungswachstum und Jugendarbeitslosigkeit vor den Toren Europas bewältigen? Wie sich eine Zukunft generell dynamisch und lebensfroh steuern? Instabile Sicherheitslagen, riskante Umweltfaktoren, eine vergiftete politische Kultur, der Missbrauch von Marktstrukturen zur individuellen Nutzenmaximierung, aggressive und rassistische Botschaften, die immer wiederkehrende Sehnsucht nach dem starken Anführer. Der Mangel an Empörung und Widerstand wird zum erstaunlichen Phänomen falschen Behagens. Und die Gründe für Optimismus scheinen gezählt?

János Stefan Buchwardt