Einführungsrede zur Veranstaltung »Im Glauben an Freiräume« von Stefan Postius, 3. November 2016

 

»Künstlerische Visualisierung zivilisatorischer Organisationsformen geht mit expliziter Kritik an den Praktiken der Raum- beziehungsweise Städteplanung einher. Wie verhängnisvoll die Problematiken beliebiger Überbauung und unkontrollierter Streuung der Siedlungsflächen auch ausfallen mögen, hinterfragendes Schauen impliziert immer auch letzte Zuversichten: Verbautes ruft wiederkehrend nach gebotenen Anpassungsstrategien, Zugemauertes nach relevanter Sinnfälligkeit. Sobald Versteinerung durch gelebte kommune und private Freiräume ersetzt wird, darf sich die Gesellschaft neue Spielräume des Handelns und Denkens ausbedingen.«

Sehr geehrte Damen und Herren, mit diesem Text beschreibt János Stefan Buchwardt das Bild von Christian Lippuner »Im Glauben an Freiräume«, das Sie an dieser Wand sehen. Und ich möchte einen Absatz aus der Eröffnungsrede der Architekturbiennale Venedig 2016 von Alejandro Aravena noch hinzufügen:

»Unsere kuratorische Idee ist zweifach: einerseits wollen wir den Umfang der Fragen, die die Architektur zu beantworten hat, ausdrücklich erweitern, indem wir zusätzlich zu der kulturellen und künstlerischen Dimension, die ja schon zu unserem Aufgabengebiet gehören, die soziale, politische, ökonomische und umweltbezogene Dimension hinzufügen. Andererseits möchten wir darauf hinweisen, dass Architektur dazu berufen ist, sich mit mehr als nur einer Dimension gleichzeitig zu befassen, indem sie mehrere Aspekte zusammen anstatt nacheinander zu bearbeiten hat.«

Und später fügt er noch hinzu: »Die Kräfte, die das gebaute Umfeld gestalten, sind nicht unbedingt freundlich: die Gier und die Ungeduld des Kapitals oder das Anspruchsdenken der Bürokratie führen zu banaler, niveauloser und langweiliger Bauweise.«

Die Auswahl der beiden Texte, der zum Bild »Im Glauben an Freiräume« und der des Kurators der Architekturbiennale zu der Aufgabe vonArchitektur, beleuchtet einen Aspekt unserer Ausstellung »Hinter Kulisse und Stirn – Das Behagen am Unbehagen«. Ihr Verständnis für diese Zusammenhänge wird in den nächsten Minuten und im Verlauf des Abends Nahrung erhalten.

Das Künstlerkollektiv »Hinter Kulisse und Stirn« bestehend aus dem Maler Christian Lippuner, dem Wortkünstler János Stefan Buchwardt und mir, dem Fotografen Stefan Postius, begann im letzten Jahr zusammenzufinden. Basis dafür waren unter anderem ähnlich ausgerichtete Gedanken zum Thema des Einflusses von Architektur und Stadtplanung und zu den Folgen falscher Planung und Umsetzung auf Gesellschaft und gesellschaftliche Entwicklungen. Insbesondere Herrn Lippuner und mir stellten sich Fragen, inwieweit an gesellschaftlichen Ansprüchen und Anrechten vorbei geplante Siedlungen am Ende verkommen und zu Keimzellen und Nährboden gesellschaftsschädlicher und antidemokratischer Ideologien werden können. Daher finden Sie in unserer Ausstellung Exkurse und Verknüpfungen zu den Themen Machtkulisse und Rassismus. Aber auch zum Thema Natur, die zunehmend zur Kulisse menschlicher Aktivitäten verkommt.

Unser Interesse an der Frage nach der Einflussnahme und Einflussmöglichkeit von Architektur und Stadtplanung auf gesellschaftliche Entwicklungen war so groß, dass wir uns wünschten, in einer Runde von kompetenten Zeitgenossen und Fachleuten mehr dazu zu erfahren, wie unzweifelhaft notwendige Nachverdichtung sozial richtig und gesellschaftlich nachhaltig erfolgen kann. 

Darin liegt der Grund für die heutige Veranstaltung. Nach längerer Recherche fanden wir 3 Zeitgenossen, die Aufhellungen und Struktur in diese komplexe Materie würden bringen können. Wir freuen uns, dass wir Herrn Claus Käpplinger aus Berlin und Herrn Benedikt Loderer aus Biel heute Abend hier begrüßen dürfen. Der dritte Referent, der Architekt Wolfgang Frey aus Freiburg, hat uns leider aus betriebsinternen Gründen kurzfristig absagen müssen.

Ich möchte die Grundhaltungen der beiden Referenten nicht schon verraten, möchte aber dennoch erwähnen, dass wir mit Ihnen beiden glauben, ein weites Spektrum möglicher Strategien für eine notwendige und gesellschaftsverträgliche Nachverdichtung abgedeckt zu haben. Eine besondere Freude ist es für uns, dass wir den Dramaturgen Henrik Kuhlmann heute Abend als Moderator gewinnen konnten. Er vertritt Herrn Prof. Dr. Dr. Christoph Nix. Auch er hat uns vor wenigen Tagen schweren Herzens seine Teilnahme wegen Arbeitsüberlastung absagen müssen. 

Ich darf Ihnen unsere beiden Referenten und den Moderator in aller Kürze vorstellen:
 
Claus Käpplinger 
lebt und arbeitet als Architektur- und Stadtkritiker in Berlin. 1984-90 Studium der Sozial- und Kunstgeschichte, Soziologie und Philosophie in Mainz, Perugia und Berlin. 1991 Mitarbeiter am Deutschen Architektur Museum in Frankfurt am Main. 1992-1997 Freier Mitarbeiter beim Deutschlandsender-Kultur sowie 1994-2001 der Zeitung »Tagesspiegel«. 1994-96 Leiter der deutschen Sektion des »Dictionnaire de l´Architecture du XXé siècle« in Paris. 2009 Redakteur der Zeitschrift »Greenbuilding«. Initiator und Organisator zahlreicher Initiativen wie »Berlin und seine Zeit« und »BDA-Stadtsalon«. Lehraufträge u.a. an der TU Berlin, UDK Berlin, Nagoya City University und seit 2011 TU Braunschweig. Februar 2016:  1. Öffentlicher Brainstorm-Position-Abend des BDA-Stadtsalons »Die dichte Stadt – Was kann Modell sein?«
Sein Statement: »Vom Unsinn der Urbanität durch Dichte«
 
Benedikt Loderer
In Bern geboren, lernte Bauzeichner, studierte Architektur, war einige Jahre freier Journalist, namentlich als »Stadtwanderer« und Architekturkritiker beim »Tages-Anzeiger«. 1988 gab er den Anstoß zur Gründung der Zeitschrift für Architektur, Design und Planung »Hochparterre«, deren Chefredaktor er wurde. Im Mai 1997 trat er zurück und wurde Redaktor und Stadtwanderer ohne Führungsaufgabe. 2010 hat er sich pensioniert, lebt seither in Biel und schreibt weiter. 2012 erschien seine »Beschreibung des Schweizerzustands: Die Landesverteidigung«.   
Sein Statement: »Wir sind reich, reich wollen wir bleiben und noch reicher wollen wir werden.« Und ich möchte das gerne vor dem Hintergrund unserer Ausstellung aktualisieren:   »... um unsere Kulissen noch stärker auszubauen und noch mehr darzustellen, als wir sind.«

Henrik Kuhlmann
Henrik Kuhlmann studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften bei Hans-Thies Lehmann in Frankfurt/Main. Arbeit unter anderem am Theater am Turm in Frankfurt, den Sophiensaelen und am HAU in Berlin, zuletzt als Dramaturg am Deutschen Theater in Göttingen. Er arbeitete in verschiedenen Funktionen u.a. mit Stefan Pucher, David Levine, Mark Zurmühle, Michael v. z. Mühlen und Wojtek Klemm. Darüber hinaus schrieb er Texte für und über das Theater.

Zum weiteren Ablauf:
2 Vorträge
Podiumsdiskussion
Allgemeine Diskussion
 
Gerne übergebe ich nun das Wort an den Herr Kuhlmann.